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„Die wollen doch alle bloß das Eine!“ – Vorurteile Asexueller gegen Sexuelle

 von: Fiammetta

Über Vorurteile gegen asexuelle Menschen habe ich vor vielen Monaten etwas geschrieben; hier kommt nun sozusagen die Kehrseite der Medaille: meine Gedanken zu Vorurteilen, die asexuelle Menschen gegen die sexuelle Mehrheit hegen.

Wenn ich mich in den AVEN-Foren tummle, stoße ich oft auf sie – pauschale Aussagen über sexuelle Menschen, die meiner Meinung nach nicht uneingeschränkt zutreffen, nicht gerecht oder gerechtfertigt sind. Sicherlich sind sie oft vor dem Hintergrund schlechter Erfahrungen verständlich, die dier schreibende User_in mit einer oder mehreren sexuellen Personen gemacht hat. Außerdem ist zu beobachten, dass Menschen, die die eigene Asexualität und die Foren erst vor Kurzem entdeckt haben, häufig das Bedürfnis verspüren, ihrem Herzen erst einmal Luft zu machen, allen negativen Gedanken über Sex Ausdruck zu verleihen, die sie vorher nie zu äußern gewagt haben („detoxing„). Ein wenig unglücklich machen mich diese Aussagen dennoch jedes Mal.

Eine Aussage oder Vorstellung, der ich schon öfter begegnet bin, könnte man als positives Vorurteil bezeichnen: Ihr zufolge haben sexuelle Menschen keine oder nur wenig Schwierigkeiten, einen Partner zu finden, da sie einen anderen Menschen ja leicht durch Sex an sich binden können; des Weiteren gibt es in Beziehungen keine nennenswerten Schwierigkeiten, solange im Bett alles gut läuft.

Tja… Wenn sich die Sache so verhielte, gäbe es wohl kaum so viele Online-Datingportale, Singlepartys etc. Sogenannte Absolute Beginner sind meist nicht asexuell. Und wenn man sich dann einmal gefunden hat, besteht niemals Garantie, dass man sich nicht wieder verliert – Menschen sind unterschiedlich und Erwartungen, Wünsche etc. können sich im Lauf des Lebens ändern. Ich neige zu der Ansicht, dass viele Asexuelle, die ihrer Befürchtung Ausdruck verleihen, aufgrund ihrer Orientierung nie eine_n Partner_in finden zu können, ihr „Handicap“ bei Weitem überschätzen. (Vielleicht handelt es sich hier weniger um eine übertrieben positive Sicht auf Sexuelle als um eine übertrieben negative Sicht auf sich selbst, um verinnerlichte negative Vorurteile gegen Asexuelle…?)

Dieser erste Punkt ist eng mit einem zweiten verbunden: Liest man sich Posts in Foren für Asexualität durch, wird man häufig mit der Aussage konfrontiert, sexuelle Menschen wären nur auf ihre eigene sexuelle Befriedigung aus und gingen wenn schon nicht ausschließlich, so doch zumindest zu einem großen Teil zu diesem Zweck Beziehungen ein. Hier haben wir es mit einem negativen Vorurteil bzw. mit einem Punkt zu tun, in dem sich Asexuelle Sexuellen überlegen fühlen. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass die Aussage auf einige sexuelle Menschen zutrifft – aber wirklich auf alle?

Meinen eigenen (nicht jahrzehntelangen und sicherlich nicht allgemeingültigen, aber doch vorhandenen) Erfahrungen nach ist es sexuellen Menschen oft wichtig, ihre_n Partner_in sexuell zu befriedigen, sie bemühen sich stark darum und es irritiert sie, wenn dies nicht möglich ist. Ich bin bereits lebhaft bedauert worden, weil ich mit einem anderen Menschen keine Lust empfinden kann und wurde inständig gebeten, doch zu sagen, worauf ich „stehe“ und was ich mir wünsche… wie, gar nix? Das gibt es doch gar nicht… – Meiner Meinung nach ist dies das Hauptproblem in „gemischten“ Beziehungen – dien Anderen auf irgendeine Weise befriedigen können und wollen viele Asexuelle ja, aber wie soll man sich eigene Wünsche erfüllen lassen, die man nicht hat? Es ist ein wenig, als würden Menschen mit unterschiedlichen Muttersprachen aufeinandertreffen, die erst einen Weg der Verständigung finden müssen. Auch sich nicht begehrt zu fühlen ist für sexuelle Menschen offenbar sehr schwierig und lässt sie teilweise an der eigenen Attraktivität zweifeln – ein Missverständnis, das aus dem Weg geräumt werden kann.

Und überhaupt eigene Befriedigung… Ich persönlich bin asexuell, aber nicht sexueller Körperkontakt ist mir sehr wichtig – meine Gefühle möchte ich gern durch Umarmungen etc. zeigen und genieße es sehr, mit einer geliebten Person das Bett (und vielleicht sogar die Decke) zu teilen. Schon oft habe ich mir die Frage gestellt, ob ich in einer romantischen Beziehung auf Berührungen verzichten könnte und die Antwort lautet: wahrscheinlich nicht, zumindest nicht ganz und gar. Ich stelle es mir so vor, dass Körperkontakt für mich das ist, was Sex für einen durchschnittlichen sexuellen Menschen ist und kann mir gut vorstellen, wie schwer es ist, ohne das oder nur mit wenig auskommen zu müssen. Ganz ehrlich: Ich kann es einer sexuellen Person nicht verdenken, wenn sie eine Beziehung mit einer asexuellen Person nicht (mehr) will, weil ihr etwas Wichtiges fehlt (wobei ich Zwang zu Dingen, die jemand nicht möchte, in keinem Falle gutheiße und Vorwürfe à la „du bist doch nicht normal“ ebenfalls nicht). Sprüche wie „Wenn er mich wirklich geliebt hätte, hätte er mich doch nicht wegen des fehlenden Sexes verlassen“ habe ich schon häufig gelesen und halte sie für ungerecht.

Um mein Knuddelgleichnis weiterzutreiben: Würde mein_e Partner_in mir nach Jahren eröffnen, körperlicher Kontakt mit mir sei für sien stets unangenehm gewesen und sier wolle das künftig nicht mehr, wäre das für mich definitiv ein Schlag. So ungefähr müssen sich sexuelle Personen fühlen, bei denen ihr_e Partner_in sich als asexuell outet, was ja teilweise mit der Ankündigung einhergeht, dass es künftig keinen Sex mehr geben wird. (Wie gesagt: Dass man nach einer solchen Eröffnung sehr überrascht bis geschockt ist, kann ich verstehen, was nicht heißt, dass ich Verständnis für abwertende und beleidigende Aussagen des sexuellen/knuddelsüchtigen Parts habe). Würden alle Menschen von vornherein von der Existenz von Asexualität wissen, würde es meiner Meinung nach zu vielen Beziehungsproblemen gar nicht erst kommen – Aufklärung ist extrem wichtig, dafür tippe ich, dafür latsche ich, dafür hocke ich. In den funktionierenden „gemischten“ Beziehungen, von denen man in den Foren glücklicherweise ab und an liest, war die Orientierung des asexuellen Parts in der Regel von Anfang an bekannt und beide Seiten respektieren einander und nehmen einander ernst.

Was in den Foren auch gelegentlich anklingt, ist die Annahme, alle sexuellen Menschen würden sich über die permanente Thematisierung von Sexualität in den Medien, über freizügige Werbeplakate etc. freuen. In diesem Zusammenhang fällt mir ein, wie meine Schwester einmal den Stapel an Frauenzeitschriften bei unserer Mutter durchging und sagte, sie suche ein Cover, auf dem das Wort „Sex“ ausnahmsweise einmal nicht zu finden sei. Meine Mutter selbst, die alles andere als asexuell ist (und mir Sexualität als etwas Natürliches und Positives vermittelt hat – so viel zum Thema, Asexuelle seien allesamt prüde und lustfeindlich erzogen worden) hat sich auch schon öfter laut gewundert, „was die immer für ein komisches Zeug schreiben“ bzw. was für merkwürdige Sendungen („Unter fremden Decken“ etc.) so im Fernsehen laufen. Und ich erinnere mich an einen Abend vor vielen Jahren, an dem ich mit ein paar lesbischen Freundinnen eine Vorstellung der „Vaginalen Szenen“ (freie deutsche Adaption der „Vagina-Monologe“) besuchte. Alle waren begeistert außer Klein-Fiammetta, die nicht so recht wusste, warum (das war, bevor ich auf die asexuelle Community stieß und mir über vieles klarer wurde) – und außer A., die selbst nicht asexuell war, aber einen derart offenen Umgang mit diesen Themen als unpassend empfand. Nicht alle asexuellen Menschen sind prüde – und nicht alle Menschen, die es vorziehen, nicht am laufenden Band mit sexuellen Inhalten konfrontiert zu werden, sind asexuell.

Es gibt nicht nur schwarz und weiß; wie das AVEN-Dreieck und die Flagge zeigen, ist (A)sexualität als Spektrum zu sehen, die Grenzen werden nicht durch unüberwindliche Mauern markiert, sondern sind fließend. Offenheit und Respekt auf allen Seiten halte ich für einen besseren Ansatz als Abschottung und Halbwissen. Als Asexuelle wünschen wir uns, anerkannt und ohne Vorurteile behandelt zu werden, also sollten wir das umgekehrt auch tun.

Es ist nicht nur die sexuelle Orientierung, die einen Menschen ausmacht; einen eigenen Laden eröffnen, im Verein Handball spielen oder von einer Reise zum Polarlicht träumen kann eine Heterofrau, ein pansexuelles Neutrois oder ein homoromantisch-asexueller Mann. Und sie alle können zusammen Kuchen essen. 🙂

Das letzte Wort möchte ich der Bloggerin QueenieOfAces überlassen, die in einem im Januar erschienenen Artikel schreibt: „[…] don’t write off 99% of the population without actually having a conversation with them.“* Besser kann man es wohl kaum ausdrücken.

 

 

* Übersetzung der Herausgeberin: „schreib nicht einfach 99% der Bevölkerung ab, ohne vorher mit ihnen geredet zu haben“

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