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… ist der Titel meiner kleinen Polemik für die Preziöse #1 gewesen.

Da das Erscheinungsdatum nun einige Zeit zurückliegt, und die neue Ausgabe in den Startlöchern steht, dachte ich, dass ich auch diejenigen ohne das Heft (schämt euch was) daran teilhaben lasse.

Sinn und Zweck der Angelegenheit war, nicht das zu tun, was Artikel üblicherweise in der Presse mit höherer Auflage tun, nämlich zu sagen, „Asexualität existiert“, sondern, „Asexualität existiert. Nehmt es hin, und denkt drüber nach, warum ihr an der Existenz zweifelt.“

Schreibt man nämlich einen Text mit der Aussage „Asexualität existiert“, hält die Leserschaft das grundsätzlich für die Frage, ob Asexualität existiert, und diskutiert entsprechend. Mit Bingo und allem.

Das ist für Asexuelle langweilig zu lesen, und respektlos obendrein.

Und wer jetzt noch nicht genug hat von den Haaren auf meinen metaphorischen Zähnen, muss hier

Das große, böse Ace

„Da hinten ist eine Moschee, da könnt ihr eure Flyer verteilen“, sagte ein Mensch mittleren Alters zu einer Freundin und mir, als wir ihm beim transgenialen CSD 2012 in Kreuzberg Informationen über Asexualität zukommen lassen wollten.

Die genannte Reaktion ist mit die bizarrste, über die ich zu berichten weiß, jedoch symptomatisch. Allein der Begriff „asexuell“, sofern er nicht auf Einzeller verwendet wird, scheint im Hörer Assoziationen zu wecken, die unangenehmer nicht sein könnten.

Offenbar ist diese Flut negativer Gedanken so überwältigend, dass es dem Durchschnittsmenschen oft unmöglich ist, lange genug, und aufmerksam genug, zuzuhören, um folgendes in Erfahrung zu bringen: Asexualität ist eine sexuelle Orientierung, die sich durch einen Mangel an sexueller Anziehung auszeichnet. Diese fehlende Anziehung drückt sich üblicherweise als „kein Verlangen nach sexueller Interaktion“ aus – so die Definition des deutschen AVEN-Forums.

So wie Heterosexuelle in eine, aber nicht in andere Richtungen zeigen, Homosexuelle in eine andere Richtung als Heteros, aber trotzdem nur in eine Richtung zeigen, so zeigen Asexuelle eben in keine Richtung.

Und das ist es auch schon.

Wir masturbieren im Schnitt etwas seltener als die Durchschnittbevölkerung. Manche von uns finden allein die Vorstellung, Sex zu haben, eklig, manche sind davon gelangweilt, und haben besseres zu tun. Einige haben sogar nichts gegen Sex – es gibt hundert Gründe, Sex zu haben, außer Verlangen – aber wo das Verlangen fehlt, sind Verhandlungen gefragt, die nicht-asexuellen Partnern meistens zu gefühllos und unsexy sind.

Eine wissenschaftliche Schätzung geht davon aus, dass etwa ein Prozent der Bevölkerung asexuell ist. Weil wir so wenige sind, und uns bislang vornehmlich durch Dinge auszeichnen, die wir nicht wollen, gibt es erst seit 2001 ein Online-Netzwerk, das Asexuality Visibility and Education Network (AVEN). Seitdem hat sich im Sprachgebrauch des zugehörigen englischen Forums das Wort „ace“ als Abkürzung für „asexual“ eingebürgert.

Wie die meisten Menschen, die sich einer sexuellen Orientierung zuordnen, werden auch Asexuelle zu Protokoll geben, so geboren worden zu sein, und sich nicht erinnern zu können, dass sie jemals anders waren. Und sie sind auch nicht unglücklich damit. Unstimmigkeiten entstehen nur dann, wenn Asexuelle versuchen, sich den eigenen und fremden Erwartungen anzupassen, und zwangsläufig scheitern. Als Resultat erfahren sich die meisten Asexuellen als irgendwie kaputt, und sehr allein.

Insofern können wir zurecht behaupten: Wir tun nichts. Wir wollen in der Regel nicht mal spielen.

Trotzdem scheint jeder Versuch, uns bemerkbar zu machen, und dadurch zu verhindern, dass andere Asexuelle unglücklich sind, als ein veritables Zähnefletschen interpretiert zu werden. Wir werden veralbert. Wir werden als 28-jährige weibliche Jungfrauen vorgestellt. Naives Mauerblümchen für Männerfantasien gesucht? Hier ist ein ganzes Forum davon.

Experten kommen zu Wort, die Asexualität als mangelnde Libido missverstehen, als mangelnde Lust auf Stimulation, und dann Gründe dafür aufzählen. Diabetes, Depressionen, was auch immer. Auch wenn wir behaupten, dass es uns gut geht, müssen wir also in Wahrheit krank sein. Wir merken es bloß nicht.

Unsere Identität wird als Meinung aufgefasst, über die man streiten kann, oder als asexueller Lebensstil vorgestellt. Keine Sorge, das sind bloß ein paar Verwirrte.

Ein Grund für solche Darstellungen in den Medien ist natürlich, dass man damit den gleichen Effekt erzielt wie mit der Freakshow auf dem Jahrmarkt. Die Zuschauer, oder Leser, dürfen sich wegen ihrer vermeintlichen Normalität auf die Schulter klopfen und beruhigt zurücklehnen. Weiteres Nachdenken ist nicht erforderlich.

Das erklärt aber nicht den fast reflexhaften Widerspruch, den das Gesprächsthema Asexualität oft herausfordert. Entweder glaubt man uns nicht, dass wir existieren, und versucht, unsere Eigenheiten mit psychischen oder körperlichen Störungen wegzuerklären. Oder man kommt zu dem Schluss, dass wir uns für etwas besseres halten und irgendwem irgendetwas verbieten wollen.

Freud wird Mitschuld haben. Kurz gesagt postuliert Freud für alle Menschen einen Sexualtrieb. Es gibt dann drei Möglichkeiten, wie ein Mensch damit verfährt: Ausleben, was gut ist, unterdrücken, was schlecht ist, oder umlenken zu anderen Zielen, was man als wertneutral bis positiv betrachten darf.

Dieses Erklärungsmodell menschlichen Verhaltens ist dank der sexuellen Revolution in der Populärpsychologie angekommen. Wer sich dann nicht entsinnen kann, jemals so etwas wie einen Sexualtrieb verspürt zu haben, der hat Pech, und existiert nicht. Zuhörer nehmen lieber an, dass jemand lügt, als dass das Modell Lücken hat.

Die sexuelle Revolution hat natürlich vornehmlich gute Seiten. Kein Mensch hat mehr das Recht, sich als etwas besseres zu fühlen, wenn er seine niederen Triebe unterdrückt.

Das Problem ist hierbei der Begriff „niedere Triebe“. Einerseits ist im Westen allgemein anerkannt, dass es den Sexualtrieb gibt, andererseits verbinden ihn die Leute immer noch mit Sündigkeit, Schmutz, loser Moral. Ausleben soll sich mensch, aber bitte nicht zu sehr.

Die sexuelle Revolution mag die Menschen befreit haben. Sie hat Homo sapiens auf die vormals niedere Ebene geholt, wo wir es uns gemütlich eingerichtet haben, aber wirklich frei werden wir erst sein, wenn wir das Denken in Ebenen hinter uns lassen.

Derweil müssen Asexuelle manchen wie reaktionäre Geister erscheinen, die aus reiner Willenskraft über dem Schlamm schweben, in dem sich der Rest der Menschheit nach eigener Vorstellung suhlt.

Das ist natürlich völliger Unfug. Es ist keine Leistung, einen Trieb zu kontrollieren, den man gar nicht hat. Zudem unterstellen diese Angriffe Asexuellen eine moralische Wertung von Sex, die den wenigsten von uns eigen ist.

Doch allein diese Annahme eines Urteils lässt einige Zuhörer in den Kampf-Teil von Fight-or-Flight ausbrechen. Das ist sehr schade.

Wer uns nämlich noch länger zuhört, findet Fragen. Fragen nach Consent, nach Sex und Nähe und nach der Natur von Beziehungen. Dinge, über die sich nachzudenken lohnen würde.

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