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Anmrkung der Herausgeberin: es ist schon interessant, was bei unterschiedlichen Menschen von den gleichen Gesprächen hängenbleibt.

Insofern ist es mir eine Ehre und ein Vergnügen, einen Gastbeitrag von Fiammetta vorzustellen. Fiammetta lebt in Berlin und hat hauptberuflich mit Sprachen zu tun. (Merci bien, grazie tanto & alf shukr!)

Dass Asexuelle viel zu oft als krank oder gestört abgestempelt werden, ist bekannt. Dass wir darüber nicht erfreut sind, ist leicht vorstellbar. Ungebetene Diagnosen haben selten jemanden begeistert.

Nun existieren verschiedene Arten von Vorurteilen und wenn man bestimmten Personengruppen pauschal Schlechtes unterstellen kann, ist es umgekehrt genauso möglich, dass man sie für überlegen hält. Auch Asexuelle werden ab und an mit positiven Vorurteilen konfrontiert und zu einigen davon, die mir bereits häufiger begegnet sind, möchte ich mich hier äußern.

„God, I admire your self-control“ ertönt es bewundernd zwischen zahlreichen anderen, größtenteils negativen Aussagen in dem von Swankivy hochgeladenen YouTube-Video „Shit People Say to Asexuals„, das in Zusammenarbeit mit zahlreichen anderen asexuellen Nutzern der Plattform entstand. Dass Asexuelle für ihre angebliche Selbstkontrolle gelobt werden, kommt häufiger vor als man denken könnte; sich Menschen vorzustellen, die sich sexuell in keiner Weise von anderen angezogen fühlen, fällt vielen Sexuellen offensichtlich so schwer, dass sie sich die Erklärung zurechtzimmern, wir könnten unsere Triebe einfach nur besonders gut zügeln. Das ist natürlich Quark. Auf Schokolade zu verzichten würde mir sehr schwer fallen und mir ein hohes Maß an Disziplin abverlangen. Mein Verlangen nach sexueller Interaktion ist dagegen schlichtweg nicht vorhanden und wo keine Versuchung ist, kann bzw. muss man auch nicht widerstehen.

Eng verbunden mit der Vorstellung der Selbstdisziplin ist die Vorstellung einer gewissen „Reinheit“, wobei ich nicht genau sagen kann, was damit überhaupt gemeint ist. Spontan würde ich den Begriff im religiösen Bereich verorten und soweit ich die Sache überblicke, ist die Mehrheit der Asexuellen nicht sonderlich gläubig (dafür bin ich im deutschen AVEN-Forum schon zu oft über antireligiöse Äußerungen gestolpert). „Rein“ kann das gleiche wie „unberührt“ bedeuten, also ein etwas angestaubtes Synonym für (weibliche) Jungfräulichkeit sein – viele Asexuelle haben irgendwann in ihrem Leben sexuelle Erfahrungen gemacht, diese Art von blütenweißem Engelsgewand steht ihnen also nicht. Und wenn asexuelle Menschen reiner als andere sind, muss das Praktizieren von bzw. der Wunsch nach Sex etwas Schmutziges sein und damit bewegen wir uns in Richtung Antisexualität, die, man kann es nicht oft genug betonen, nicht gleichbedeutend mit Asexualität ist.

Statt von „Reinheit“könnte man vielleicht auch von einem Zustand des „Befreitseins“ sprechen, in dem sich asexuelle Menschen angeblich befinden. Im deutschen AVEN-Forum habe ich im Laufe der Jahre schon ab und zu Beiträge von sexuellen Menschen gelesen, die fragten, wie man denn asexuell werden könne – zum Teil hatten diese Personen asexuelle Partner_innen und den Wunsch, sich ihnen „anzupassen“ (im Grunde ein nobler Gedanke, funktioniert nur leider nicht), manche waren aber auch einfach von ihrem eigenen Trieb genervt und auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihn irgendwie abzustellen. Ihrer Meinung nach führen Asexuelle ein geruhsameres Leben als sie selbst und haben mehr Zeit, um sich auf andere, wichtigere Dinge zu konzentrieren (an dieser Stelle fällt mir dieser amüsante Artikel aus dem Asexuality Archive ein – ja, warum haben wir denn noch nicht…?)

Auch an einen Herrn, der im letzten Sommer unseren Infostand in Stuttgart besuchte, muss ich wieder denken – er war der Meinung, Menschen würden sich nur deshalb hübsch machen, um potentielle Sexualpartner auf sich aufmerksam zu machen und ging deshalb davon aus, Carmilla und ich seien nicht eitel. Da hatte er sich eindeutig die Falschen ausgesucht…

Mancher Sexuelle ist gar nicht so sehr von seinen eigenen Trieben genervt, sondern vielmehr von der ständigen Thematisierung von Sexuellem in den Medien, aufreizend präsentierten Körpern in Werbespots etc. (dass alle Sexuellen ständig nach derartigen Inhalten lechzen, ist nämlich auch ein Märchen). Es kommt gelegentlich vor, dass Asexuelle hier als Verbündete gesehen werden – „Dich stört das doch bestimmt auch ganz furchtbar, oder? -, aber pauschal davon auszugehen, jeder Asexuelle teile diese Ansicht, ist falsch. Manchen ist es unangenehm, mit sexuellen Themen konfrontiert zu werden, anderen ist es egal und wieder andere finden reißerische Berichte über das Sexualleben der Bevölkerung ganz amüsant.

Ich komme nun zu dem Punkt, der mich am meisten irritiert. Schon öfters wurde ich mit der Ansicht konfrontiert, sexuelles Begehren stelle irgendeine Art von Gegensatz zu Liebe und tiefen Gefühlen dar und asexuelle Menschen seien daher in der Lage, in einer romantischen Beziehung aufrichtiger zu lieben als sexuelle. Darüber hinaus sollen wir generell mitfühlender, aufmerksamer und dergleichen mehr, kurz „bessere Menschen“ sein.

Dass Liebe und sexuelle Anziehung zwei verschiedene Dinge sind, unterschreibe ich sofort. Meiner Auffassung nach können diese beiden Dinge getrennt oder gemeinsam auftreten und keine der drei Varianten ist besser oder schlechter als eine der beiden anderen. Nein, ich finde Sex ohne Liebe nicht verwerflich, vorausgesetzt man schwindelt niemandem Liebe vor, um si_e_n ins Bett zu bekommen. Lügen ist niemals entschuldbar, mit Offenheit (und dem Einverständnis aller Beteiligten) ist dagegen alles möglich. Zwei verschiedene Dinge also, aber warum sollte eins das andere irgendwie „beflecken“? Ich schätze, da kommt wieder dieser seltsame Reinheitsgedanke ins Spiel, mit dem ich wie gesagt nicht viel anfangen kann. Warum ein sexueller Mensch aufgrund seiner Orientierung weniger tierlieb oder sozial engagiert sein soll, leuchtet mir auch absolut nicht ein. Die Vorstellung, dass Asexuelle ihre Freizeit sinnvoller nutzen (können), mag hier ihren Teil beitragen. Lustigerweise existiert zu dem Vorurteil, Asexuelle tröffen nur so von echten Gefühlen, auch das genaue Gegenteil – Gefühlskälte sagt man uns nämlich auch gern nach, vor allem den Aromantikern.

Was stört mich an positiven Vorurteilen eigentlich so sehr? Lob hört man doch immer gern – oder etwa nicht? Jein. Ich werde nicht gern für Dinge gelobt, die nicht mein Verdienst sind oder die ganz einfach nicht zutreffen, das widerspricht meiner Natur. Außerdem fühle ich mich von einer allzu positiven Meinung über mich schnell unter Druck gesetzt; ich mag es nicht, wenn man etwas von mir erwartet, das ich gar nicht leisten kann, zumal wenn ich nie behauptet habe, dass ich das könnte.

Und schließlich heißt jemanden auf einen Sockel zu heben auch immer, dass man sich von ihm abgrenzt und das möchte ich nicht. Ich möchte aufgrund meiner Asexualität nicht für schlechter als andere gehalten werden, aber auch nicht für besser, das fände ich genauso blöd. „Besser als“ impliziert „anders als“ und ich fühle mich nicht anders als die Menschen um mich herum. Ich habe eine seltene sexuelle Orientierung, das ist wahr, aber meine Orientierung ist nur ein Teil meiner Identität. Wegen meiner Berufswahl erklärt mich ja schließlich auch niemand für krank noch hebt man mich aufgrund meiner musikalischen Präferenzen in den Himmel.

 

Neben den im Text versteckten Links kann ich zum Thema auch die folgenden Videos vom YouTube-Kanal „Hot Pieces of Ace“ empfehlen:

„Asexual Pedestal?“ von Jenni

„Hello from the pedestal“ von Lili

„Idealizing asexuality“ von Southpaw

„Idealizing me for being asexy“ von Sassy

 

 

 

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