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Weil ich ein vielseitig interessierter Mensch bin, gehe ich manchmal ins Theater. Vor knapp zwei Wochen war Don Giovanni dran – die Oper von Mozart. Seitdem denke ich drüber nach, aber nicht, weil die Musik so schön ist. (Die ist sehr hörenswert, falls jemand hier keine Angst vor klassischer Musik hat.)

Für diejenigen, die sich nicht durch den kompletten Wikipediatext wühlen möchten, hier eine kurze Zusammenfassung: Don Giovanni ist ein Frauenheld, der es schafft, mit Schmeicheleien und Lügen (zur Not heiratet er auch mal) quasi jede Frau in sein Bett zu bekommen. Tatkräftig unterstützt wird er dabei von seinem Diener Leporello, der Schmiere steht, Buch über die Eroberungen führt und nebenher noch das tut, was ein Diener üblicherweise so tut, also seinem Don hinterherräumt etc.

Dieses fröhliche Lotterleben gerät in Gefahr, als Don Giovanni sich mit einem Komtur duelliert und dieser stirbt. Außerdem taucht am nächsten Tag Giovannis Noch-Ehefrau Elvira auf, die ihn zurückhaben und zurückgeliebt werden will. Verwicklungen folgen, Don Giovanni beweist in der Folge sowohl seine drogenähnliche Wirkung auf Frauen als auch seinen miesen Charakter. Am Ende folgt die Rache durch eine Erscheinung des toten Komturs, der Giovanni zur Umkehr bewegen will. Giovanni sagt, „ich bereue nichts“, und fährt hinab in die Hölle.

Keine Frage, Don Giovanni ist ein hedonistisches Arschloch. Jemand, der dem Konzept „informiertes Einverständnis“ (also, consent) einen fröhlichen Mittelfinger zeigen würde, sollte er ihm jemals begegnen. Eventuell verursachtes Leiden kümmert ihn einen Dreck, und weiblicher Herzschmerz schon gar nicht. Somit ist er das Negativ-Stereotyp der Aromantikers. Trotzdem werden die meisten Zuschauer irgendwie bewundern, dass er zu seinen Taten steht und im Angesicht des Todes nicht anfängt zu kriechen.

Im Programmheft fanden sich ein paar kluge Aufsätze. Don Giovanni sei ein Freigeist, und die Aufgabe des Freigeistes sei es, gesellschaftliche Strukturen zu zerstören oder sie zumindest kurzfristig vergessen zu machen. Woraus sich auch seine Faszination erklären würde. Frauen sind auch heutzutage immer noch nicht sexuell frei und unterliegen widerstreitenden Moralvorstellungen – jemand, der einen das vergessen machen kann, ist sicher eine Versuchung für manche.

Mag alles sein. Ich kam aber nicht umhin, die Sache aus dem Ace/Aro-Blickwinkel zu betrachten. Don Giovanni wechselt häufiger die Frauen als manch anderer seine Unterhose, hat also offenbar einen unersättlichen Appetit. Man könnte nun auf die Idee kommen, dass er irgendetwas sucht, und zwar ziemlich verzweifelt. Diese Meinung teilt auch Elvira, die Dame, mit der er drei Tage lang verheiratet war, bevor er getürmt ist. Sie ist hinter ihm  her, um ihn zu retten, auch wenn sie das in Liebesschwüre verpackt.

Frauen haben ja bekanntlich eine ziemliche Schwäche für die sogenannten „bösen Jungs“, eben weil sie glauben, dass da ein liebenswerter Kern drin steckt, den man bloß regelmäßig zu gießen und ins Sonnenlicht auf der Fensterbank zu stellen braucht… und schon wächst ein Held draus.

Ich hingegen bin der Meinung, dass Don Giovanni nichts sucht und sowieso nicht zu retten ist. Was hieße das denn? Frau will ihm ein Zuhause bieten, eine stabile Umgebung, Zuwendung, wo er, so hofft frau, eines Tages zu Ruhe kommen, Vertrauen aufbauen und glücklich sein wird.

Aber das hat er schon alles. Leporello beklagt sich zwar regelmäßig über seinen miesen Job, aber bewundert Giovanni gleichzeitig und ist ihm völlig ergeben.

Wozu sollte Don Giovanni da noch eine Ehefrau brauchen?

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