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„Focus“ ist in vieler Hinsicht ein konservatives Blatt. Beim genaueren Lesen älterer Ausgaben fielen mir ein Essay und Meinungen zum Thema Bildungsplan Baden-Württemberg auf, die mir bewiesen haben, warum es „HomoPHOBIE“ heißt:

Die haben Angst.

Da sind besorgte Eltern, die glauben, dass ihre Zehnjährigen jetzt in der Schule lernen sollen, was „Porno“ und „Darkroom“ heißen. Dass die „allgegenwärtige Sexualisierung“ vorangetrieben wird und „Zweifel im Bereich der sexuellen Identitätsfindung“ gefördert werden. (1)

Die erste Sorte Angst kann ich verstehen – Details sind, je nach Art, ab 12 oder ab 16 besser aufgehoben.

Ich begreife aber nicht, was die simple Erwähnung von anderen Lebensentwürfen und den zugehörigen Begriffen – und darauf würde es hinauslaufen – zur „allgemeinen Sexualisierung“ beiträgt. Da macht mir der „Focus“ mehr Sorgen. Oder gibt es einen vernünftigen Grund, in einem Bericht über Klaus Kinski ein Foto von Nastassja Kinski oben ohne abzudrucken? (2)

Über den Rest würde ich mich gern kringelig lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Zu viele Durchschnitts-Heten glauben immer noch, dass es möglich ist, eine_n zur Hetero- oder Homosexualität zu erziehen. Ich will solche Leute gerne schütteln und fragen, ob sie das ernst meinen. Ob die Erwähnung von Schwulen in ihren Grundschuljahren sie davon abgehalten hätte, ihren heterosexuellen Lebensstil zu wählen.

Wir haben geschätzte drei bis fünf Prozent sexuelle Minderheiten in diesem Land, wenn mensch der Wikipedia in diesem Zusammenhang glauben darf. Plus Trans*-Personen und Intersexuelle. Macht in einer Klasse von dreißig Schüler_inne_n ein bis zwei, die nicht so ticken wie der Rest.

Mit dieser Handvoll von Hundert kann mensch zwei Wege beschreiten.

Erstens, totschweigen wie bisher. Dann hört diese nicht unbeträchtliche Personenzahl im schlimmsten Fall das Wort „schwul“ zum ersten Mal, wenn es irgendwo als Beleidigung verwendet wird, und vielleicht auch noch „Lesbe“, aber bi und trans* und inter und asexy und pan fallen unter den sprichwörtlichen Tisch. Damit ist die Botschaft klar: Entweder taugt meine Identität nur dazu, andere zu beleidigen, ist also falsch und verachtenswert, oder ich werde gar nicht erwähnt, und existiere daher nicht. Beziehungsweise bekomme ich vermittelt, sofern ich woanders die Begriffe doch aufschnappe, dass ich nicht existieren darf.

Was so eine Botschaft mit dem fragilen Ego von Teenagern anstellt, sollte sich von selbst erschließen – alle erwachsenen Menschen waren mal in dem Alter. Jedenfalls wundert mich die überproportional hohe Selbstmordrate von jugendlichen GSRM-Menschen nicht. (3)

Zweiter Weg: Erwähnung und, im Idealfall, Vorgehen gegen Mobbing. Die Folgen unterliegen der Spekulation, wären aber nicht auszudenken. Glücklichere Teenager. Diskussion der latenten Frauenverachtung, die hinter der Beleidigung „schwul“ steckt, in der Hoffnung auf selbstsicherere Jungs* jeder sexuellen Orientierung. Selbstbewusstere junge Leute, die sich trauen, öfter „nein“ zu sagen und Grenzen zu setzen, anstatt wie die Lemminge mit der Mehrheit mitzulaufen, obwohl sie sich unwohl dabei fühlen. Schrecklich, oder?

Denn eins steht fest: Zwölf von dreizehn Schuljahren ohne ausdrückliche Erwähnungen von Schwulen im Unterricht konnten nicht verhindern, dass ich am Ende doch nicht hetero bin. Und auch dieser ganzen „schrillen Minderheit“, die da auf den Christopher Street Days tanzt, ist es wahrscheinlich ähnlich ergangen.

Wir sind trotzdem, und nicht weil.

Tja. Hier meine Frage an all die Eltern, die diese unsägliche Petition unterschrieben haben, und das vor ihren Kindern kundtun. Ihr habt eine Chance von etwa drei zu hundert, dass ihr für die Diskriminierung eures Kindes unterschrieben habt. An dieser Wahrscheinlichkeit wird keine Schulaufklärung dieser Welt irgendetwas ändern können. (4) Wollt ihr belogen werden? Wollt ihr, dass eure Kinder Angst haben müssen, offen mit euch zu reden? Wo doch moderne Eltern angeblich viel darauf halten, dass ihre Kinder ihnen vertrauen.

Mag sein, dass es aussieht, als wären wir früher seltener gewesen. Aber früher gab es weniger Wörter für unsereins, weniger öffentliche Diskussionen, und das Internet war auch noch nicht erfunden. Wir waren, in anderen Worten, unsichtbar.

Und jetzt, wo wir unseren Teil der Aufmerksamkeit einfordern, haben die „Normalos“ Angst. Sie zitieren die natürliche Ordnung der Dinge, ohne je von asexuellen Schafen und homosexuellen Pinguinen gehört zu haben. Sie beschwören den Untergang des christlichen Abendlandes. Dass bei der niedrigen Geburtenrate in Deutschland andere Kräfte am Werk sind als drei Prozent potentiell Kinderlose, vergessen sie geflissentlich. Schuldige für die ganze Unsicherheit der modernen Existenz werden gesucht und gefunden. Putins Schwulen-Propaganda-Gesetze lassen grüßen.

Oder ist es am Ende doch ganz anders?

Um die aktuelle Forschung und die Piratenpartei zu zitieren: Homophobie ist voll schwul. Wer sich in seiner_ihrer Geschlechtsidentität sicher fühlt und mit dem, wen si_e_r begehrt, Frieden geschlossen hat, hat es in der Regel nicht nötig, andere aus diesen Gründen niederzumachen. Es steht der Beweis, dass die lautesten Homo-Hasser eher männliche* als weibliche* Prostituierte anheuern.

Sich selbst ins Auge zu sehen und sich dann hinzustellen, und zu sagen, das bin ich, auch wenn die Welt mich lieber anders hätte, das erfordert eine ganze Menge Mut. Mut, den viele offensichtlich nicht haben.

Und damit nochmal die Frage: Wovor habt ihr wirklich Angst?

—-

(1) Paraphrasierungen aus Birgit Kelles Kolumne in Heft 04/14 und den zugehörigen Leser_innen_briefen in 05/14. Keine Links gefunden.

(2) Habe leider vergessen, welche Ausgabe das war.

(3) Gender-, sexuelle und romantische Minderheiten.

(4) http://www.aerzteblatt.de/archiv/153986/Sexuelle-Orientierung-Variationsvielfalt-jenseits-der-Pathologie?src=search

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