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Über Bookrix bzw. Amazon stolperte ich über eine Kurzgeschichte, die mit „asexuell“ vertaggt ist: „Rosarot“ von Marie Chaos.

ROSAROT

Worum geht’s?

Ein sexuell unerfahrener Mann hat eine geheimnisvolle und erotische Begegnung mit einem Fremden auf einem Friedhof, die sein Leben durcheinander wirbelt.

Das sagt meine innere Lektorin:

Die Autorin hat ein etwas schräges Verhältnis zu Absätzen in Dialogen. Der Anfang kommt ein bisschen langsam in Fahrt. Ansonsten eine nett konstruierte Geschichte, deren Happy End nicht komplett vorhersagbar ist, deren Glaubwürdigkeit aber am unten genannten Problem krankt.

Das sagt die asexy Besserwisserin:

Bingo! Volles Fettnäpfchen.

Achim (…) war ein ganz und gar asexueller Mensch.

Nie war er ein in Versuchung gekommen, Hand an sich selbst zu legen, einfach, weil er nie einen sexuellen Drang verspürte. Natürlich hatte er in der Pubertät auch mal (…) geküsst (…)

Aber nichts geschah. Kein atemloses Verlangen, kein Wunsch auf mehr (…)

Mag sein. Üblicherweise funktionieren die Teile bei a_sexuellen Menschen mit Penis durchaus, aber das heißt nicht, dass sie auch gern benutzt werden, oder dass beim Masturbieren sexuelle Phantasien entstehen: Feine, aber wichtige Unterschiede.

Auch, dass sich eine solche Person nicht als defizitär oder wenigstens einsam empfindet – unwahrscheinlich, aber es soll solche Geister geben.

Unterschätzen Sie nie das Phänomen des Gruppenzwangs und der Vorstellung von Normalität: Eine a_sexuelle Person stellt irgendwann fest, dass der Rest der Welt sie merkwürdig findet und sie auf ihre Andersartigkeit angespricht. Menschen, die das Wort „asexuell“ kennen und für sich anwenden, sind meiner Erfahrung nach tendenziell froh, das Wort zu kennen, weil sie sich vorher sehr allein gefühlt haben.

Dass nun selbiger aromantische (?), asexuelle und nicht-libidonöse Achim, der total relaxt mit seinem Minderheitenstatus umgeht, sich auf Sex mit einem Unbekannten einlässt, der ihn bei Abenddämmerung auf dem Friedhof stalkt? Nachdem Achim zum ersten Mal in seinem Leben überhaupt sexuelle Erregung empfunden hat?

Klingt manchen vielleicht sexy, ist aber genauso glaubwürdig wie glitzernde Vampire und deren Seelenverwandtschaften, also gar nicht.

Asexualität funktioniert nicht so. Demisexualität funktioniert nicht so.

Dass die Story trotzdem einige begeisterte Leserinnen gefunden hat, spricht dafür, dass diejenigen keine Ahnung haben, wie oberflächlich die Autorin offenbar recherchiert hat. Persönlich finde ich es dann immer noch schlecht, dass solche miesen Darstellungen nicht nur unglaubwürdig sind, sondern auch politisch negative Auswirkungen haben können.

Beweise:

Erstens hatte sie keine Bedenken, in das Bingofeld von „Du hattest eben noch nie Sex mit mir“ zu stolpern und daraus eine komplette Story zu stricken. (Das passiert auch nur Nicht-Aces, und das viel zu häufig.)

Zweitens: „Ganz und gar asexuell“ ergibt nur für Uneingeweihte Sinn. Tatsächlich etabliert diese Phrase eine Art Hierarchie, gegen die sich die Community mit Händen und Füßen wehrt. Nicht umsonst haben wir Wörter wie „aromantisch“ und „nicht-libodonös“ und so was. Weil das sehr viel präziser ist als „ganz und gar“, und weil nicht viele in allen drei Kategorien gleichzeitig auf dem Nullpunkt hängen.

Wenn wir Pech haben, nimmt jemand also die Beschreibung für bare Münze und glaubt dann einer echten a_sexuellen Person nicht, weil die halt zufällig eine Libido hat, oder sexuelle Erfahrungen oder oder oder … Nicht, dass wir nicht schon sowieso mit Unglauben zu kämpfen haben. Siehe Bingo.

Einziger Trost: Achim fühlt sich nicht nur nicht-defizitär, sondern wird auch als solches dargestellt. (Wieder ein feiner Unterschied.)

Anders wär’s auch und meiner Ansicht nach besser gegangen.

 

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