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Auf Lou Zuckers Artikel hatte ich bereits verwiesen. In der gleichen Onlinezeitschrift beschäftigt sich am selben Tag noch ein Artikel mit Asexualität: „Lieber ohne Anfassen“.

Der Text ist meines Erachtens mit Vorsicht zu genießen, also zerpflücke ich ihn mal:

[Asexualität] soll, so das Bestreben, als Alternative zu Hetero-, Homo- oder Bisexualität begriffen werden, um damit den Betroffenen das Stigma der Andersartigkeit zu nehmen.

Sind das Alternativen? Suche ich mir mein Begehren aus, oder nur die Beschreibung selbigen Begehrens?

Damit geht ein Teil Identitätsbildung einher, logischerweise, denn nur das, wofür es Wörter gibt, existiert, und wenn verschiedene Menschen die gleiche Beschreibung für sich verwenden, kann ich mir zumindest sicher sein, mit meiner Seltenheit nur selten, aber nicht allein zu sein.

In der Tat hat sich jener sexuelle Leistungsdruck, der im Zuge der sogenannten sexuellen Revolution […] kultiviert wurde […] längst gesamtgesellschaftlich verbreitet; diffuser zwar, aber dafür auch auf beide Geschlechter verteilt.

Wahr.

Aber: Heteronormativität existiert nicht erst seit ’68. Die gesellschaftliche Erwartung, dass Menschen Paare bilden mögen und viel Nachwuchs zeugen, ist älter, und kommt nicht nur in Europa vor. (Diese Erwartung hat in nicht mehr bäuerlichen Gesellschaften auch kapitalistische Untertöne – je mehr Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, desto schlechter kann ich sie bezahlen.)

Es geht bei Asexualität weniger darum, dass irgendwer keine Lust hat, bei dem Wettebewerb um ein spektakuläres Sexleben nicht mitzumachen, sondern um Personen, die von allein nie auf die Idee kommen würden, Sex zu haben, und die Vorstellung zumeist befremdlich bis eklig finden.

Vorwürfe, dass ohne die paar Kinder, die Asexuelle zeugen, das Abendland untergeht/die Menschheit ausstirbt, sollen vorgekommen sein, auch wenn mir noch keine*r persönlich an den Kopf geworfen wurde.

zu erfahren, dass man mit dem, was als individuelles Versagen erschien, alles andere als allein ist

Aber hatte ich wirklich das Gefühl, dass ich bei irgendwas versagt hatte?

Als Jugendliche hatte ich vielmehr häufiger das Gefühl, dass fast alle Personen meiner Peer-Group auf einmal einen an der Waffel hatten. Glücklicherweise bin ich so gut wie aromantisch, insofern machte ich um romantisch-sexuelle Beziehungen unbewusst einen Bogen, was ich dann irgendwann bemerkte, woraufhin ich mich fragte: „Wovor hast du Angst?“ und nach reiflichem Nachdenken beantworten musste: „Ich hab keine Angst, ich hab einfach keinen Bock, und blicken tu ich es erst recht nicht.“

Defizitär fühlte ich mich eher durch die Erwartungshaltung meines Umfelds, und der gesamtgesellschaftlichen Erwartungen, die ich durchaus wahrnahm, auch wenn ich den Begriff „heteronormativ“ noch nicht kannte. Fast jede*r wünscht sich wenigstens ein bisschen Anerkennung.

Heteronormatives Verhalten wird üblicherweise vom Umfeld durch positive Aufmerksamkeit belohnt, während nicht konformes Verhalten mit schrägen Blicken und kritischen Nachfragen bestraft wird. Ich hätte mir gern ein bisschen metaphorisches Kopfstreicheln abgeholt, aber mein Selbstschutzinstinkt war am Ende doch stärker.

Damit will ich nicht bestreiten, dass sich andere Asexuelle als „Versager*innen“ fühlen. Mein Gefühl, dass ich als Jugendliche die einzige vernünftige Person in einem Haufen Überdrehter war, ging aus einer Annahme hervor, dass alle Menschen so ähnlich wie ich ticken. Geschichten aus dem englischsprachigen Netz beweisen, dass ich mit dieser „asexuellen Annahme“ nicht die Einzige war – was dem Gefühl des Versagens diametral entgegensteht.  (Wie sieht’s bei den geschätzten Leser*innen aus?)

Statt, wie es die Rolling Stones mit »I can’t get no satisfaction« taten, das, was sie beschreiben, der Gesellschaft vor den Latz zu knallen, muss sie gleich eine ganze Legitimationsideologie drumherum stricken.

Ich frage mich, was ich hier anderes tue, als allen Leuten vor den Latz zu knallen, dass ich kein beschissenes Verlangen nach sexueller Interaktion habe?

Aber manchmal reicht das nicht, vor allem, da dieses Nicht-Verlangen den meisten Leuten so unbegreiflich ist, dass sie mich der Lüge bezichtigen, vielen Dank. Die „Legitimationsideologie“ ist vor allem ein Resultat daraus, dass die Gesellschaft sich diese eine Tatsache nicht einfach so vor den Latz knallen hat lassen.

Und: Wenn ich es bei dem unbeschubladeten Vor-den-Latz-Knallen belasse, bin ich immer noch allein auf weiter Flur. (Zeigt nach oben. QED)

nur wegen des kreuzbiederen Flairs von Vereinsmeierei und ehrenamtlicher Arbeit

Ah, ist doch immer wieder schön, wenn ehrenamtliche Arbeit als solche verunglimpft wird. Wobei „kreuzbieder“ ja noch geht, so, im Vergleich zu „spießig“.

Nicht mal die linkste Linke kommt ohne ehrenamtliche Arbeit aus, ob’s nun unbezahlte Artikel, Internetrumbastelei oder das Layout für einen Veranstaltungsflyer ist. (Kostenlose Arbeit für einen ideellen Zweck, ne?)

So recht als unterdrückte Minderheit, zu deren Fürsprecher man sich aufschwingen kann, wollen Asexuelle nicht wirklich taugen. […] Aber dem auf die Schliche zu kommen, was jemand im Bett nicht tut, wird selbst der verfolgungswilligste Mob seine Schwierigkeiten haben.

Haben wir gesagt, dass wir Fürsprecher*innen oder Schutz wollen?

… Was zum Henker wollen wir denn?

Dass uns geglaubt wird, wenn wir sagen, dass wir asexuell sind. Dass Therapeut*innen uns glauben und nicht versuchen, den vermeintlichen Mangel an Sex zu heilen, statt der tatsächlichen Probleme, die wir haben.

Eventuell haben wir ein paar interessante Einsichten, was die Zusammensetzung von Anziehung ausmacht (ästhetisch, physisch, intellektuell, romantisch, sexuell …?). Wie auf Frauen reagiert wird, die sich dem Pool der sexuell verfügbaren Weibchen entziehen. Wir fragen uns, wieso so viele Berührungen hierzulande sexuell konnotiert sind, sodass Freund*innen sie vermeiden, und woraus körperliche Intimität außerhalb sexueller Kontexte besteht. Und so Zeugs.

Von einem Artenschutzprogramm war bislang nicht die Rede, obwohl di*er eine oder andere Teenie in den USA vielleicht zurecht befürchtet, aufgrund siener Orientierung von den Eltern rausgeworfen zu werden.

Ganz so unsichtbar, wie in den Traktaten behauptet, ist die Asexualität ja nie gewesen…

Ehrlich jetzt? Zugegebenermaßen habe ich weder die Rambo-Filme noch die Seagal-Filme gesehen, die da angeführt werden, aber ich halte es für unwahrscheinlich, dass Bruce Wayne zu irgendeinem Zeitpunkt in den Batman-Filmen oder Comics prä-AVEN sagt, „Sorry, Honey, aber ich habe keine Lust, und Pornos finde ich langweilig.“ Und später auch nicht.

Weil, und das ist ja der Witz, von Autor*innen aus dem Dunstkreis von Sherlock und The Big Bang Theory auch mal behauptet wird, dass Asexuelle langweilig seien, da mit ihnen keine sexuelle Spannung zu erzeugen ist. Mönche sind interessanter als Leute, die gar nicht verführt werden können. Crime ohne Sex zieht nicht …

Was der Mythos vom kämpferischen Alpha-Männchen mit Asexualität zu tun hat – statt sagen wir mal, damit, dass schon die alten Römer darauf geachtet haben, ihre Legionäre hart auszubilden und meist unter Abwesenheit von Frauen leben zu lassen, damit bloß keine emotionale Bindung den Opferwillen fürs Vaterland stört – bleibt für mich dahingestellt.

Außerdem: Immer da, wo nichts steht, nehmen die Leser*innen Heterosexualität an. Weswegen sich die queeren Conan-Doyle-Fans heute streiten können, ob Sherlock Holmes asexuell oder schwul zu lesen ist. Oder ob Frodo nicht vielleicht gern mit Samwise Gamdgee was gehabt hätte, aber …

Männliche Figuren, die offen Männer begehren, sind noch nicht soo lange erlaubt, und selbst dann trauen sich die Autor*innen nicht, Butter bei die Fische zu machen. (*Zeigt auf Albus Dumbledore*)

Jedenfalls, um mal hier mal zusammenzufassen.

Personen, die keine Lust auf irgendwen hatten, gab’s immer schon, aber erst die Folgen der sexuellen Revolution haben es nötig gemacht, ein Wort zu finden, und erst das Internet hat es möglich gemacht, eine Community zu bilden.

Ich gehe aber davon aus, dass auch die „Domestikation der Sexualität“ durch eine Linke, „die vor lauter »Definitionsmacht« und »Zustimmungskonzepten« sich sexuelle Erfüllung nur noch als Verhandlungsmarathon vorstellen kann“ eine Reaktion auf die sexuelle Revolution ist, die oft auch nur verlangte, was Männer schon immer von Frauen zu erwarten gelernt haben: Ohne Widerspruch die Beine breit machen.

Asexualität entzieht sich sowohl dieser Erwartung wie auch dem Anspruch ans immer potente Alphamännchen, ohne dabei irgendein politisches Ziel zu verfolgen. Wodurch die Reaktionen darauf ein bezeichnendes Licht auf die heutige Gesellschaft werfen.

Dem Fazit des Autors, dass die heutige Gesellschaft ein Problem mit Sex hat, will ich gar nicht widersprechen. Und dass es was mit „Domestikation“ zu tun hat, mag sein.

Aber ich habe die Online-Grabenkämpfen der linken LSBTTIQ-sonstwas-Szene mit Asexuellen, die 2011/12 auf tumblr stattfanden, mitgelesen. Ich bin den Vorbehalten oft genug live begegnet. Wenn Asexuelle gelegentlich mit offenen Armen empfangen werden, würde ich das eher der natürlichen Neugier mancher Personengruppen zuschreiben. Die anderen müssen nämlich erstmal überzeugt werden, dass ich existiere.

Die Jungle World hat keine Kommentarspalte, sonst hätte ich darauf verweisen können.

Für den Autor hoffe ich trotzdem, dass einige Leute nachdenklich gemacht werden und nachher eine angenehmere Gesellschaft für alle bei rauskommt …

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