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Nun habe ich vor einiger Zeit diesen Text von Bäumchen hier gefunden, in dem auch das Wort Asexualität fällt.

Ich habe es lange Zeit Desexualisierung genannt, um es von Asexualität zu trennen, aber langsam seh ich die Grenzen aufweichen. Ich kämpfe seit Jahren mit einem sterbenden Gefühl, mit einem sterbenden Begehren, und ich sehe diese Asexualität nicht als wunderbar oder als Identität, die ich »embracen«, umarmen und lieben kann. Ich wurde dazu gemacht.

Bäumchen nimmt auf diesen englischsprachigen Artikel Bezug. Als asexy Bloggerin, die ihre Identität umarmt, habe ich mich erstmal am Kopf gekratzt, weil für mich mindestens zwei Paar Stiefel, wenn nicht mehr. Dann habe ich versucht zu verstehen, wie diese Schwierigkeiten zustande kommen. Offensichtlich überschneidet sich das, was Asexualität will, und das, was dann draußen ankommt, nicht zu hundert Prozent.

Warum ist das so? Wie trägt die Rezeption von Asexualität dazu bei, dass Leute, die nicht dem westlichen Schönheitsideal entsprechen, sich in die Ecke gedrängt fühlen?

Zu diesem Zwecke muss ich ausholen, werde diverse Diskussionen in der englischen Blogosphäre ausbuddeln und hinterher hoffentlich ein bisschen klüger sein. Dies hier ist Teil eins von geplanten drei.

Zum ersten will ich mir anschauen, wie über Asexualität berichtet wird.

Zunächst nochmal eine Rekapitulation für Leute, die hier eventuell zufällig reinschneien. Asexuelle definieren sich entweder als Menschen ohne Verlangen nach sexueller Interaktion und/oder als Menschen, die keine oder wenig sexuelle Anziehung verspüren und/oder „alle, die sich als asexuell bezeichnen, sind asexuell“. Weiterführend meine kurze Analyse und sehr ausführlich auf englisch von AC Hinderliter hier.

AVEN Deutschland hat eine Seite, wo Berichte über Asexualität gesammelt werden. Die Qualität der verlinkten Artikel variiert von reißerisch bis ernsthaft, von null bis viel Recherche. Meistens werden Frauen* zitiert oder interviewt, und die Berichterstatter*innen betonen auch gern, dass die Person, die sie da getroffen haben, hübsch ist. Größte sichtbare Beleidigung ist „unauffällig gekleidet“, gefunden in Fiammettas Radiobeitrag. Außer diesen ganzen Frauen* kommt auf Deutsch gelegentlich noch unser Forums-Obermod zu Wort, der ein Mann ist. Englischsprachige Artikel betonen noch lieber als deutsche, dass wir es mit „Jungfrauen“ zu tun haben. Damit alle Leute mit Fetisch anfangen können zu sabbern.

Die englischsprachige Welt hat außerdem David Jay, auf dessen Idee AVEN gewachsen ist. Der Typ sieht in echt noch besser aus als auf Bildern. Ein cis-Mann, weiß, gebildet, und ein mitreißender Redner.

Wir sehen aber nicht: Trans*-Personen. Persons of color. Personen, die dem gängigen Schönheitsideal anderweitig nicht entsprechen. Nicht-neurotypische Personen. Personen mit einer Behinderung, oder einer chronischen Krankheit.

Selbst, wenn diese Personen eventuell trans* sind, Psychopharmaka nehmen oder eine Hormonstörung haben, sehen wir in den Berichten davon nichts.

Diese Unsichtbarkeit hat einen Grund.

Das Coming out hat sich für Asexuelle zu einer Art Urtrauma entwickelt, denn in der Regel wird uns nicht geglaubt. „Du benutzt dieses Wort falsch, das ist für Amöben reserviert.“ „Bist du sicher, dass das keine Phase ist?“ „Nach meiner letzten Beziehung, die so mies war, wollte ich auch keinen Sex mehr.“ „Das klingt aber sehr nach Autismus.“ „Hast du schon mal nach deinen Hormonen schauen lassen?“ „Du bist einfach zu hässlich, um wen abzukriegen.“

Es macht keinen Spaß, von anderen informiert zu werden, dass wir nicht existieren, oder trotz teilweise jahrelanger Identitätssuche nicht wissen, was wir fühlen. Obwohl wir sicher nicht die einzige Gruppe sind, der zunächst Unglauben entgegenschlägt.

Offensichtlich ist es am praktischsten, wenn alle potentiellen Einwände entweder nicht aufkommen können – die Person, über die berichtet wird, sei konventionell gutaussehend, und habe keine wahrnehmbaren Einschränkungen – oder die Einwände können aus persönlicher Erfahrung entkräftet werden: „Den Hormonen geht es gut, danke. Ich bin neurotypisch und habe keine psychischen Krankheiten. Ich hab es schon ausprobiert, und es hat mir nicht gefallen.“ Etc. pp.

Dieses Konzept ist das der*des unangreifbaren Asexuellen, zuerst von Sciatrix hier formuliert. Wer möglichst alle Einwände entkräften kann, bekommt ein Goldsternchen, wie früher in der Schule unter ordentlich geführte Hausaufgabenhefte.

Diese Asexuellen mit Goldsternchen führen aber zu einer relativ uniformen Darstellung in den Mainsstreammedien.

Das verunsichert zum einen die Leute in der Community. Darf mensch laut sagen, dass si*er Sex eklig findet? Dass si*er traumatische Erfahrungen hat? Dass si*er dick ist? Eine Behinderung hat? Antidepressiva einnimmt? Trans* ist? Dass si*er keine*n Parter*in möchte, nicht mal zum Kuscheln, und als verrückte Katzenperson oder Waldschrat*in zu enden plant?

All so etwas könnte der Asexualität ja „a bad name“ geben, und dazu führen, dass wir als Gruppe nicht mehr ernstgenommen werden.

Und die anderen da draußen? Sehen entweder nur Asexuelle mit Goldstern, und kommen zu dem Schluss, dass das eine neue Verrücktheit für die weiße Mittelschicht ist. Weiterführendes über die Schwierigkeiten von Schwarzen in den USA mit Asexualität (auf Englisch) zum Beispiel hier.

Oder sie glauben, dass sie asexuell sein sollen. Dazu später mehr.

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