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Gedanken zum Thema „Coming Out“

von Fiammetta

Am 11. Oktober ist Coming Out Day; ein Anlass, sich über das Thema des „aus-dem-Schrank-Kommens“ Gedanken zu machen und sich dazu zu äußern.

Ich persönlich kann zum Thema Outing jede Menge erzählen, da ich den Prozess nicht weniger als dreimal durchgemacht habe. Warum so oft?

Wie schon an anderer Stelle erwähnt, war ich als Jugendliche (und sogar schon als Kind) an Frauen interessiert, war von ihrer Schönheit, ihrer Ausstrahlung und ihrem musikalischen Talent bezaubert. Da ich in einem recht aufgeklärten und toleranten Umfeld aufwuchs, kannte ich relativ früh den Begriff „lesbisch“ und bezog ihn auf mich. Ich weiß nicht mehr genau, wann ich mich zum ersten Mal gegenüber einer anderen Person so bezeichnete, es muss im Alter von 12 Jahren gewesen sein, vielleicht sogar noch früher.

Etliche Jahre später gewann zu meiner großen Verblüffung ein junger Mann mein Herz. Die Bezeichnung „homosexuell“ passte also doch nicht so recht auf mich. Dass es mit „hetero-“ und „bi-“ alternative Vorsilben gab, wusste ich – aber was war mit dem zweiten Teil des Wortes? „-sexuell?“ Sexuelle Aktivitäten konnte ich mir mit meinem Traumprinzen nicht vorstellen und weiteres Nachdenken brachte die Erkenntnis, dass mein Interesse an Frauen auch nie sonderlich sexuell gewesen war. Zu meinem Glück stieß ich Anfang 2007 (das deutsche Forum war damals gerade einmal zwei Jahre alt!) auf den Begriff „asexuell“ und die asexuelle Gemeinschaft und die Möglichkeiten der Selbstbezeichnung hatten sich mit einem Mal vermehrt. Dies bedeutete aber noch keineswegs, dass ich sofort allen Leuten davon erzählen wollte. Erst einmal brachte ich nach und nach das Wissen derjenigen, bei denen ich mich zuvor als lesbisch geoutet hatte, bezüglich der Vorsilbe auf den neuesten Stand, sagte ihnen, ich sei doch eher bi. Die Leute nahmen dies größtenteils ohne weitere Kommentare zur Kenntnis.

Mehr als zwei Jahre, nachdem ich die asexuelle Community entdeckt hatte, war ich mir dann sicher, dass dies das richtige „Etikett“ für mich war. Ich wollte anderen gern davon erzählen, aber die Sache gestaltete sich schwieriger als die zwei Male davor. Es reichte nun nicht mehr aus, ein Wort in den Raum zu werfen, damit alles klar war – ich musste zusätzlich zu meinem Outing erst einmal erklären, was Asexualität überhaupt bedeutete und mich Vorurteilen stellen („Kann es nicht sein, dass Asexuelle einfach nur Angst haben?“).

Mittlerweile wissen alle mir nahestehenden Menschen von meiner sexuellen Orientierung und haben sie größtenteils akzeptiert; Bedarf, über das Thema zu sprechen, besteht so gut wie keiner mehr. Insgesamt habe ich sicher „Glück gehabt“, muss aber sagen, dass es mir wesentlich leichter fällt, über meine romantische Orientierung (also „bi“) zu sprechen als über die Asexualität – von der Vorsilbe wissen wesentlich mehr Menschen als vom Rest. Dass man Männer und Frauen mag, kann man nebenbei einfließen lassen, während ein Outing als asexuell so gut wie immer einen Kurzvortrag erfordert.

Manchmal frage ich mich, wie mein Leben in Hinblick auf die „Selbstetikettierung“ verlaufen wäre, wenn ich von der Option „asexuell“ von Anfang an gewusst hätte, so wie ich schon als Kind von der Existenz von Homo- und Bisexualität wusste. Hätte es mir als Jugendliche früher auffallen können, dass meine Phantasien über weibliche Wesen bei innigen Umarmungen endeten und es mich wenig interessierte, wie die jeweilige Angebetete nackt aussah? Ich kann darüber nur Vermutungen anstellen.

Das asexuelle Coming Out findet bei vielen Menschen erst spät statt, da sie ganz einfach jahre- und jahrzehntelang nicht wissen, zu welcher Gruppe sie gehören, obwohl sie oft spüren, dass die gängigen „Schubladen“ hetero, homo etc. nicht oder nicht ganz passen. Wenige haben den Mut, ohne eine Community im Rücken anderen von ihrer „Andersartigkeit“ zu erzählen, ihr Empfinden zu beschreiben. Und auch nachdem sie einen Namen für dieses Empfinden sowie Menschen, die ähnliches beschreiben, gefunden haben, bleibt die Sache schwierig, da es wie erwähnt mit einem einfachen „übrigens, ich bin asexuell“ meistens nicht getan ist und weitere Erklärungen nötig sind. Nicht heteroromantische Asexuelle (oder solche, die sich von dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht nicht angemessen beschrieben fühlen) haben in ihrem Leben häufig mehr als ein Coming Out und das Sprechen über die eigene asexuelle Orientierung wird von vielen als der schwerste Schritt empfunden.

Der Coming Out Day betrifft auch uns, aber die Dinge liegen etwas anders als bei anderen GSM (Gender and/or Sexuality Minorities). Nichtsdestoweniger wünsche ich euch allen einen wunderschönen 11. Oktober – ganz gleich, welcher(n) Minderheit(en) ihr angehört und mit wie vielen Menschen ihr schon darüber gesprochen habt.

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