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Man stelle sich vor: Ein junger Mann, schlank, nicht allzu groß, tendenziell feminin, also lange Haare, blass, gerät unfreiwillig (durch Gefangennahme, Sklaverei, sonstwas) in die Gesellschaft eines zweiten Mannes – groß, muskelbepackt und ein echtes Alphamännchen.

Das Alphamännchen ist größer, stärker, älter und mächtiger als sein Gefangener.

Damit ein Plot draus wird, müssen die beiden sich unwiderstehlich finden, das Alphamännchen versucht, das Vertrauen seines Gefangenen zu gewinnen, und früher oder später (meistens früher) treiben die beiden es miteinander.

Und jetzt raten, wer beim unvermeidlichen Analsex unten ist.

Und außerdem raten, warum sich diese Zusammenfassung witzigerweise ähnlich liest wie die vieler ganz gewöhnlich schlechter Liebesromane mit einem Hetero-Pärchen.

Das Genre gehört, bei expliziter Lyrik, zu Yaoi („Jauwi“), bei Andeutungen zu „shonen-ai“, oder Boylove, und kommt aus Japan, wo sowas für Leserinnen produziert wird. (Wer hätte es gedacht?) Beeinflusst wird das auch durch eine Periode in der japanischen Geschichte, in der die Samurai das Recht auf sexuelle Gefälligkeiten von ihren Schülern hatten – die natürlich beim Sex unten zu sein hatten, denn ein erwachsener Mann tut so was ja nicht… /Ironie Ende.

Siehe auch die griechische Knabenliebe.

Aus mir nicht nachvollziehbaren Gründen wird hierzulande bei fantastischem Material mit so einer Story auch gerne „gay fantasy“ oder „schwule Fantasy“ draufgeklebt, obwohl ich in den beiden Hauptdarstellern tendenziell kein schwules Pärchen erkennen kann.

Aus dem obengenannten Set-up eine ordentliche Geschichte zu machen, ist tendenziell schwierig, und in den meisten Fällen stehen mir beim Lesen nach ein paar Seiten die Haare zu Berge.

Warum?

Erstens: Heteronormativität. Wenn ich einer nicht-repräsentativen Livejournal-Umfrage von Minisinoo glauben darf, mögen nicht mal alle schwulen Kerls Analsex. Aber offenbar reicht bei den meist weiblichen, heterosexuellen Schreiberlingen und ihrem ebenso weiblichen, heterosexuellen Publikum die Fantasie nicht weiter als bis zur Penetration als Ausdruck größter Zuneigung. Und dass dann der femininere Partner unten ist, ungefragt und unreflektiert, setzt dem ganzen noch sein Krönchen auf.

Zweitens: Machtgefälle, was ist das? Denn in der Regel wird die Tatsache, dass unser Alphamännchen über mehr Macht verfügt, nicht zwischen dem Paar thematisiert. Oder, in einem Fall, den ich gelesen habe, ganz ausdrücklich dazu verwendet, dem Gefangenen ein sexuelles Experiment aufzunötigen, von dem er nicht so wahnsinnig begeistert ist.

De facto ist jede Zustimmung immer abhängig von der Reaktion auf eine Weigerung. Je negativer die zu befürchtenden Konsequenzen eines „Nein“, desto weniger Wert hat der Consent.

Als AutorIn kann ich natürlich trotzdem Consent herstellen, da ich die Möglichkeit habe, die Perspektive beider Figuren zu zeigen.

Was ich aber bis jetzt vermisst habe, ist ein generelles Bewusstsein für das Problem – sofern, wie in meinem Beispiel, nicht gleich ein Fetisch draus gemacht wird, der die LeserInnen aufgeilen soll.

Mag nur mir so gehen, aber ich finde das respektlos, gegenüber den Figuren wie auch Männern allgemein, und unehrlich. Immerhin ist das echte Leben nicht so, und mensch fühlt sich als schwächerer Partner vielleicht benutzt.

Aber in Anbetracht von Porno bleibt die Realität wohl lieber draußen, und ehrlich genug, „Porno“ draufzuschreiben, sind die AutorInnen dann doch nicht.

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