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So. Nach einer guten Woche habe ich jetzt Elizabeth Abbotts „A History of Celibacy“ fertig, was, in Abwesenheit von geeigneter Literatur über Asexiness, gern als das relevante Buch genannt wird.

Interessant ist es auf jeden Fall, ich empfehle es allen englischkönnenden Lesern jedweder Orientierung mal weiter.

Aber wie interessant ist es speziell für Asexuelle?

Beginnen wir mit einer kurzen Zusammenfassung:

Über die Jahrhunderte hinweg gab es viele freiwillig enthaltsame Menschen, deren Beweggründe Abbott sehr genau untersucht. Hierbei ist zu beachten, dass die meisten religiös motivierten Menschen dabei nicht nur einfach auf Sex verzichten bzw. verzichtet haben, sondern auch versuch(t)en, ihre Libido und unzüchtigen Gedanken völlig hinter sich zu lassen. Askese scheint dabei ein beliebtes Mittel zu sein.

Da Frauen früher noch viel eher als heute einem anderen Standard unterlagen, und häufig rechtlich eher als Sache denn als Mensch behandelt wurden, war für Frauen die Entscheidung zur Ehelosigkeit mit einem eindeutigen Machtgewinn verbunden. Deshalb scheinen sie in der Mehrheit weniger Schwierigkeiten mit ihrer selbstgewählten Enthaltsamkeit gehabt zu haben als Männer.

Überhaupt geht Abbott häufig auf die verbreitete Doppelmoral gestern und heute ein, was zwar für den aufgeklärten Leser nichts neues sein sollte, aber immer wieder erschreckt. Wer jemals wissen wollte, worum es FeministInnen geht, ohne mit der Moralkeule erschlagen zu werden: dieses Buch lesen.

Die unfreiwillig Enthaltsamen sind für Asexuelle weniger von Bedeutung, nehmen aber selbstverständlich einigen Raum im Buch ein. Was soll ich sagen? Auch hier wird man beim Lesen wütend.

Hin und wieder verwendet Abbott das Wort „asexuality“, was sie als „a diminution or annihilation of sexual interest or desire“ definiert. (Seite 360) Also als „Verringerung oder völliges Erlöschen von sexuellem Interesse und Begehren“ – was ungefähr der deutschen Definition entspricht, nur dass ein Großteil von uns davon ausgeht, dass diese Abwesenheit schon immer da war.

Von den freiwillig Enthaltsamen lässt sich etwas lernen. Abbott beschreibt die „Boston marriages“ (Bostoner Ehen), wo zwei Frauen mit romantischen, und eher selten sexuellen Gefühlen füreinander zusammenlebten – ein für zahlreiche romantische Aces durchaus interessantes Vorbild.

Zweitens zitiert sie Berichte von zeitgenössischen enthaltsamen Menschen, die ihre freiwillige Abstinenz als befreiend erleben.

Wer sich ausklinkt, hat Zeit, seine Beziehungen zu überdenken und Wege zu finden, anderen ohne die Abkürzung Sex nahezusein. Sexuelle Beziehungen schließen immer ein Gutteil Besitzergreifung mit ein (die Eifersucht lässt grüßen), und die Abwesenheit von Besitzansprüchen wird häufig als Erleichterung erfahren, und als etwas, das echte Freundschaften zwischen Männern und Frauen erst ermöglicht.

Schlussendlich war Abstinenz in Europa über Jahrhunderte akzeptabel – vom mittelalterlichen Gesellen, der nicht heiraten durfte, bis zur hochgeachteten Nonne waren allerlei Menschen vorhanden, die mehr oder weniger stark mit ihrem Los haderten. Erst jetzt im Zeitalter der sexuellen Befreiung fällt auf, wenn einer sich dem „alle tun es“ entzieht.

Insofern ist „A History of Celibacy“ extrem relevant: Der Leser fängt an zu begreifen, dass die sexuelle Revolution auf halbem Wege stehengeblieben scheint. Nach Jahrhunderten christlich verordneten schlechten Gewissens ist die Situation ins Gegenteil umgeschlagen: Erotik in der Werbung, Berichte aus den Schlafzimmern von Prominenten und Normalbürgern und vor allem ein mittlerweile ärztlich verankerter Glaube, das Sex gut und richtig ist, sprechen weniger für Befreiung als für einen Zwang.

Bis es normal ist, so viel und so wenig Sex zu haben, wie man will, bis es normal ist, dass jemand nein sagt und auch nein meint (und nicht, dass man dimjenigen eben nerven soll, bis nin irgendwann nachgibt), bis 40-jährige Jungfrauen nicht mehr Opfer von amerikanischen Komödien sind, ist es vermutlich noch länger hin.

Kein Wunder also, dass es für Asexuelle erst in unserem Jahrhundert ein Wort braucht.

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