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Oder: Der steinige Weg der Erkenntnis

Ich war etwa 14, als ich mich als verrückt zu bezeichnen begann, ohne dass ich genau hätte erklären können, warum.

Ich fand die öffentliche Anhimmelei von Stars irgendwie albern – es war ja nicht so, als hätte ich keinen angehimmelt, aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, irgendwem davon zu erzählen. Bauchfreie Kleidung fand ich geschmacklos. Und bis heute habe ich nicht begriffen, was an kollektiven Besäufnissen (unvermeidlicherweise mit Anmache) so toll sein soll. Ich weiß aber, dass viele Leute sowas als Party bezeichnen.

Also: ich war anders. Ich war zu leise. Trug wenig coole Klamotten: zu unmodisch für die Girlies (daran sieht man, wie alt ich bin), zu brav für die Punker. Mein Hormonhaushalt hinkte dem Durchschnitt um zwei Jahre hinterher. Ich war fett, oder hielt mich zumindest dafür.

Mit Sicherheit waren das die Gründe, warum alle anderen Mädchen einen Jungen abbekamen, und nur ich Flirt-Legasthenikerin war.

Nach und nach bröckelten die Gründe weg. Die Hormone regten sich endlich, ich verbesserte meinen Kleidungsstil, nahm ab. Und ich war immer noch anders.

Falls ich doch mal in einen Jungen verliebt war, der sich in meiner Reichweite befand, schaffte ich es nicht, ihn von meinen Gefühlen in Kenntnis zu setzen.

Ich musste verrückt sein, oder wenigstens krankhaft schüchtern, denn sonst gab es ja keine Gründe.

Vermutlich wäre ich irgendwann beim Therapeuten gelandet, aber meine Eltern waren erstens gewohnt, dass ich alles für mich behielt, und zweitens mit anderen Familienmitgliedern vollauf beschäftigt. Meine beste Freundin war ebenfalls Spätzünderin, also hatte ich gegen den Hühnerhaufen in der Schule Beistand.

Außer meinen eigenen Vermutungen sagte mir niemand wichtiges, dass mit mir irgendetwas nicht stimmte, also konnte es nicht so schlimm sein, wie ich glaubte.

Im Rückblick bin ich dafür sehr dankbar.

In dem faulen Sommer nach meinem Abitur hatte ich das erste Mal eine Ahnung, dass ich nicht allein sein könnte. Im Vorwort zu „Die Säulen der Erde“ schreibt Ken Follett von einem geringen Prozentsatz Menschen, für die Sex keine so große Sache sei. Einerseits war das eine Erleichterung, andererseits passt es wieder nicht.

Es war und ist keinesfalls so, dass ich Sex eklig finde. Ich habe im entsprechenden Alter Bravo gelesen und bin dann zu einer Zeitschrift für junge Frauen migriert. Ich lese gern Liebesgeschichten und schreibe selbst welche.

Dank der Zeitschriften und der zahlreichen Bücher, die ich las, ging ich davon aus, dass sich schon irgendwann ein Mann für mich finden würde. Weil es so eben normal ist. Dass ich mir den Sex, den ich dann haben müsste, in den seltensten Fällen im Detail ausmalte, fiel mir nicht weiter auf, genauso wenig wie der Umstand, dass ich niemals von heimeliger Zweisamkeit träumte.

Dann zog ich von daheim aus, ging studieren. Um mich herum wurde Party gefeiert und geflirtet, was das Zeug hielt.

Ohne meine Dauersingle-Freundinnen war ich aufgeschmissen. Ich fragte mich, ob ich lesbisch sein könnte, wie ein Gerücht in meiner alten Klasse behauptet hatte, aber noch nie war ich in ein Mädchen verliebt gewesen. In einem letzten Verzweiflungsschritt ließ ich meine Pille ein Jahr lang weg, doch auch dann tauchte meine Libido eher sporadisch auf, und verlieben tat ich mich erst recht nicht.

Das war 2006. Nach diesem Experiment hatte ich begriffen, dass ein Partner zwar zeitweise sehr nett wäre, ich ebensolchen aber lieber, wenn überhaupt, ohne den Sex hätte. Und dass eine Art WG aus Wahlverwandtschaften mein Bedürfnis nach Gesellschaft ebenso, wenn nicht besser, erfüllen würde. Dass ich mein Bett für mich allein wollte.

Schließlich stolperte ich per Zufall einen Bericht über Asexualität. Zwei Jahre lang holte ich das Wort immer wieder hervor, um es mir anzusehen und herauszufinden, ob es passen könnte.

Ende 2010 wurde mir meine Andersartigkeit vom Schicksal deutlichst unter die Nase gerieben – ich habe seitdem einen guten Kumpel weniger. Dies war der Zeitpunkt, wo ich statt vager Erklärungen endlich Worte haben wollte. Ich war bereit, mich als Nicht-Hetero zu verstehen. Als jemand, der sich nie oder nur sehr selten zu anderen sexuell hingezogen fand.

Ich las: Artikel auf der AVEN-Mutterseite. Diverse Blogs.

Ich sah, dass es andere gibt, die ähnliche Erfahrungen wie ich gemacht haben. Andere, die nach populärpsychologischen Gründen für ihr Anderssein gesucht haben und mit leeren Händen zurückgekommen sind.

Ich bin eben einfach so, und es gibt einen Namen dafür. Ich gehöre zu einer Minderheit, die etwa ein Prozent der Bevölkerung umfasst.

Ich bin ace.

Ich bin nicht besser und nicht schlechter als andere. Ich bin nicht krank, man muss und kann mich nicht heilen.

Ich bin nicht gestört und nicht kaputt. Ich bin nicht verrückter als andere. Auch wenn denen diese Erklärung lieber wäre.

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