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Vor einiger Zeit war ja ein Artikel in die Hose gegangen, in dem denn auch betont wurde, dass es keine wissenschaftlich anerkannte Definition für Asexualiät gebe.

Das ist wahr. Wie bei so vielen Dinge im Leben war zuerst das Phänomen, dann der Begriff und dann erst die wissenschaftliche Literatur dazu da. Dass es letztere gibt, beweist die Sammlung von A. C. Hinderliter, denke ich, zur genüge.

Von ein paar unrühmlichen Ausnahmen abgesehen, scheinen diese Autoren mit der Definition der AVEN-Mutterseite zufrieden: „someone who does not experience sexual attraction“. Jemand, der keine sexuelle Anziehung fühlt.

Die deutsche Seite ergänzt: „Kein Interesse an sexueller Interaktion.“

Beide Seiten setzen hinzu, dass nur jemand asexuell ist, der sich als solches bezeichnet.

Der Unterschied in den beiden Definitionen birgt eine ganze Menge Sprengstoff, denn sie überschneiden sich, sind aber nicht identisch.

So zählen mit der ursprünglichen Definition BDSM-ler, die zwar ihren persönlichen Kink ausleben, aber keine sexuelle Anziehung zu Menschen fühlen, dazu, Objektophile aber nicht. Im deutschen Forum ist das demnach auch genau umgekehrt.

Zugegeben, dieser Unterschied scheint marginal. Aber: die deutsche Definition lässt weniger Spielraum. Aus diversen Quellen habe ich läuten hören, dass manches Ace Sex sogar genießen kann, wenn die Umstände stimmen. Das mag nicht sehr häufig sein, aber es ist ein Unterschied, ob ich sage „ich begehre dich“, oder „ich finde das gut, was wir tun“. Die deutsche Defintion lässt solche Leute außen vor, die vielleicht trotzdem mit dem Partner Schwierigkeiten haben, weil der sich nicht begehrt genug fühlt. Was bei Nicht-Asexies offenbar bedeutet, dass man nicht geliebt wird. *kopfkratz*

Schließlich gibt es da noch immer diesen Zusatz: „asexuell ist, wer sich so bezeichnet.“

Das muss Außenstehenden recht seltsam erscheinen, hat jedoch gewichtige Gründe. Erstens verhindert es die Fremdbetitelung. Es gibt Leute, die unter die offizielle Definition fallen, aber noch nie davon gehört haben, und sicherlich ziemlich verstört wären, wenn jemand sie einfach so als ace bezeichnet.

Sicherlich tauchen in den Foren genug Leute auf, die um eine „Diagnosestellung“ bitten, aber davon sollte man Abstand nehmen. Das stellt sicher, dass das Mensch, welches sich nachher als asexuell bezeichnet, sich damit auseinandergetzt hat und mit dem Titel wohlfühlt.

Wie wichtig das sein kann, weiß nur jemand, der sich mal outen musste, und sich somit gegen Fremdbenamsung wehren. „Das ist doch bloß eine Phase“, „Irgendwas muss mit deinen Hormonen nicht in Ordnung sein“, „bist du sicher, dass da nicht irgendwann mal was vorgefallen ist?“. Etc. pp. Fremddiagnosen, wohin man hört.

Sich sein Wort ausgesucht zu haben, kann da schon ein bisschen beruhigen.

Zweitens erlaubt es, dass es „temporär Asexuelle“ gibt. Leute, denen der Begriff hilft, sich den Kopf freizumachen und erst mal alles in Frage zu stellen. Keiner kann das so gut wie Asexuelle. Immerhin sind wir die ersten, die sich Gedanken darüber machen, was sexuelle Anziehung überhaupt ist, ob es einen Unterschied zu romantischer Anziehung gibt, und auf welche Weise man noch von anderen angezogen sein könnte.

Wenn solche „temporär Asexuellen“ hinterher sagen, gut, ich bin halt doch was anderes, dann ist das in Ordnung. So lange sie nicht von sich auf andere schließen, heißt das. Nicht jeder von uns muss sich mit unterdrückten homosexuellen oder noch weniger anerkannten Neigungen auseinandersetzen.

Am Ende mag ich die englisch Variante lieber, weil sie mir intuitiver erscheint, und uns außerdem den Status einer Orientierung gibt, nicht nur den von Leuten die kein Interesse an etwas haben.

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