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Es gibt einen Roman mit einer explizit asexuellen Figur: „Guardian of the Dead“ von Karen Healey. Von der englischsprachigen ace-Blogosphäre daher zum Teil enthusiastisch gefeiert.

Seit Anfang August gibt es das Buch nun als finanzierbare Nordamerika-Paperbackausgabe, also konnte ich es endlich lesen.

Worum geht es? Eine siebzehnjährige Internatsschülerin in Christchurch (Neuseeland) muss erkennen, dass die alten Maori-Legenden doch nicht ganz so erfunden sind, wie sie bisher geglaubt hat. Die Hauptfigur ist außerdem gleichzeitig einzige Erzählerin.

Am Alter und Setting sehen wir schon, dass die Zielgruppe aus Jugendlichen ab etwa dreizehn besteht. Was auch dazu führt, dass die 340 Seiten nicht ganz so dicht bedruckt sind wie in Büchern für Erwachsene.

Im ersten Kapitel begegnen wir der verkaterten Heldin, Ellie, und ihrem besten Kumpel, Kevin. Offenbar hat Kevin Ellie am Abend vorher gestanden, asexuell zu sein, und deswegen mit seiner Sandkastenfreundin, Iris, Probleme zu haben. Die hat sich nämlich in ihn verliebt.

Da Ellie eine lesbische Schwester hat, geht sie damit ziemlich gut um und vermeidet, das Bingo zu bedienen.

Dummerweise sehen wir Kevin wenig in Aktion mit Iris, und auch dann nur zu einem Zeitpunkt, an dem die Gegenspielerin schon aufgetaucht ist und versucht, Kevin per Magie in sich verliebt zu machen. Im weiteren Zug der Geschichte verkommt Kevin zur „damsel in distress“, also zu jemandem, der gerettet werden muss, und selber nichts zu tun hat.

Soweit zur Story, insofern sie für mein Thema relevant ist.

Ich frage mich immer noch, weshalb die Autorin Kevin asexuell gemacht hat.

Vermutlich soll Kevins Asexualität herausstreichen, wie seltsam seine Zuneigung zur Gegenspielerin ist. Sonst erfüllt seine Orientierung keine Funktion, außer der, dass die Autorin darauf aufmerksam macht.

Letzteres ist gut gemeint, und wurde auch sehr dankbar aufgenommen. Jedes bisschen Sichtbarkeit sollte gefeiert werden. Sehr gut ist auch die Tatsache, dass Healey dem Vorurteil zuvorkommt, dass Asexualität nur was für Frauen ist.

Noble Hintergedanken also, aber Kevin ergibt zumindest für mich, als asexuelle Leserin, keinen Sinn.

Dummerweise weiß ich von Asexuellen beiderlei Geschlechts, die Kinder haben und jahrelang verheiratet waren, oder es noch sind. Leute, die sich ganz normal verlieben und einen Partner suchen.

Einfach eine Behauptung aufzustellen, dass Kevin asexuell ist und deswegen  Iris am liebsten aus dem Weg gehen will, reicht nicht, um die magischen Annäherungsversuche der Gegenspielerin unheimlich zu machen. Zumindest nicht für das belesene Ace, das Kevins romantische Vorlieben nicht kennt. Kevin könnte aus tausend Gründen nicht an Iris interessiert sein – so wie Harry Potter auch keinen Gedanken an Hermine verschwendet – ohne deswegen asexuell sein zu müssen.

Zumindest für mich ist damit die Relevanz für den Plot gleich null. Besser funktioniert hätte es, wenn Kevin schwul wäre, denn dann gäbe es für den Leser viel mehr Grund zur Beunruhigung.

Zugunsten des Grusels hätte ich, glaube ich, als Autorin in diesem Falle auf die Sichtbarkeit verzichtet.

Merke: beim Schreiben ist es schlecht, Behauptungen aufzustellen, vor allem dann, wenn ich auf Dinge hinweise, von denen geschätzte 99,9% meiner Leser noch nie gehört haben.

Ansonsten: für Fans des Genres ist das Buch durchaus empfehlenswert – die Heldin hat schön trockenen Humor, das Setting ist faszinierend, und der Plot weiß mit der einen oder anderen Überraschung aufzuwarten.

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