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Geschrieben für den Carnival of Aces im August.

Zusammenfassung des Carnival hier.

(English version one post earlier. Englische Version einen Eintrag vorher.)

Hiermit möchte ich H vorstellen. H ist eine wichtige Nebenfigur mit eigener Erzählperspektive in einem Fantasyroman, an dem ich gerade arbeite. Unvermeidlicherweise habe ich als Hintergrund eine pseudomittelalterliche Welt.

H hat eine zauberische Begabung und ist siebzehn. Von ihr wird erwartet, dass sie im nächsten Herbst einen Eid schwört, der sie zu einer Art Nonnenkriegerin macht. Im Moment steckt sie in der Ausbildung dafür, ist also eine Novizin.

H würde sich in unserer Zeit als asexuell und aromantisch bezeichnen. Sie mag Schubladen, aber da sie nicht weiß, dass es für sie eine solche geben könnte, muss sie sich mit „nicht interessiert“ begnügen.

In Anbetracht des mönchischen Lebensstils, der von ihr erwartet wird, ist H ziemlich glücklich mit ihrem Los. Im Gegensatz zu anderen Teenagern in ihrem Umfeld trauert sie nicht den ganzen Romanzen hinterher, die sie nie erleben wird. Sie glaubt außerdem, dass ihr Leben eine Bedeutung hat.

Kurz bevor meine Geschichte losgeht, träumt sie davon, einmal zusammen mit ihrem besten Kumpel Botschafter für den König zu sein und die Welt zu sehen. Deswegen gibt sie sich viel Mühe mit der schulischen Seite ihrer Ausbildung.

Dazwischen kommt ihr der Lehrling eines Schwarzkünstlers, der vor seinem Meister geflohen ist. Der beste Freund von oben verliebt sich, und die beiden Jungs hauen ab, bevor sie Mönche werden müssen. Hs Zukunftsaussichten sind mit einem Mal sehr viel düsterer. Sie fühlt sich im Stich gelassen und ist sehr einsam.

Gegenwärtig bin ich ungefähr bei der Hälfte, aber ich weiß schon, dass ihr Happy End nicht in dieser Geschichte stehen kann. Sie wird beschließen, dem besten Kumpel zu vergeben, und hoffen, dass sie irgendwann, irgendwo jemanden trifft, der eine genauso „seltsame“ Vorstellung von Partnerschaft hat wie sie.

Interessant ist, welche Schwierigkeiten ich mit H erwartet habe.

Asexualität ist, wie schon ace eccentric hier angemerkt hat, kompliziert. Romanfiguren denken nur dann über Sex oder darüber nach, wie sie potentielle Partner finden können, sobald es für den Plot wichtig ist. Falls sie das nicht tun, nehmen die Leser einfach an, dass der Sex nicht zur Geschichte gehört, und deshalb weggelassen wird. Lebender Beweis dafür, dass Asexualität tatsächlich meistens unsichtbar ist.

Ohne meine Liebesgeschichte und den zugehörigen Sex hätte ich wohl mehr Probleme. Die Asexualität sieht man H nicht an, was es schwierig macht, sie zu zeigen. Ich komme nicht damit durch, zum Beispiel von einem Regenbogenflaggen-Pin und ihren Holzfällerhemden zu erzählen. Falls ich nur ein klassisches Abenteuer schriebe, würde man von H, dem Bücherwurm, nicht erwarten, dass sie Interesse an Romantik hätte. Man würde annehmen, dass sie viel zu beschäftigt dafür wäre.

Jedenfalls ist es fast unmöglich, Asexualität zu zeigen, wenn man sie nicht mit anderen sexuellen Orientierungen kontrastieren kann, und gleichzeitig nicht mal eine Welt hat, in der das Konzept ’sexuelle Orientierung‘ existiert. Besonders, wenn man nicht auf antisexuelle Bemerkungen zurückfallen möchte.

I gebe zu, dass H derzeit allen Grund hat zu hassen, wie dumm diese nervigen Hormone andere Leute machen können, aber, nun ja. Wie bei jeder Minderheit habe ich hier das Problem, dass gern vom einzelnen auf das Allgemeine geschlossen wird. Es ist eine sehr dünne Linie, auf der ich da balanciere.

H hat Gelegenheit, ihren ehemals besten Kumpel zu konfrontieren. Ich hoffe, ein paar Bemerkungen eingefügt zu haben, die deutlich machen, dass sie nicht begreift, warum andere Leute nicht enthaltsam sein können oder wollen.

Damit zeige ich hoffentlich auch, was H von einem besten Freund/platonischen Partner im Vergleich zur Mehrheit erwartet. Und auch, dass sie nicht ganz allein sein will – sicher verträgt sie das Alleinsein besser als die meisten anderen, aber auch sie fühlt sich manchmal einsam, und braucht jemanden, mit dem sie die wichtigen Dinge des Lebens teilen kann.

Ich bin mir sehr bewusst, dass das alles nur geht, weil H eine eigene Erzählperspektive hat. Müsste ich mich auf die Augen eines Fremden verlassen, würde H vermutlich bestenfalls wenig Sinn ergeben, und schlimmstenfalls als sozial eingeschränkt und zurückgeblieben erscheinen.

Letztendlich kann ich für H ziemlich viele meiner eigenen Erfahrungen zurückgreifen, und muss mich mit meinen eigenen Ängsten auseinandersetzen. Das könnte wehtun. Demnach gehört H also zu einer ganz anderen Kategorie von ’schwierig‘, als ich am Anfang erwartet habe.

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