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Kurz bevor ich diesen Blog eingerichtet habe, stieß ich auf Captain Heartless’ Erwähnung von Nietzsches „Also sprach Zarathustra“.

Wahrlich, ein Geschenk von Oben, denn vorher hatte ich fünf Tage damit verbracht, mir Blogtitel auszudenken und wieder zu verwerfen, weil keiner mir so richtig gefiel.

Und damit zurück zum Thema.

Im Originaltext heißt es (Teil 1, Seite 41, zitiert aus dem E-book des Projekt Gutenberg)

>> Wahrlich, es giebt Keusche von Grund aus: sie sind milder von Herzen,
sie lachen lieber und reichlicher als ihr.
Sie lachen auch über die Keuschheit und fragen: "was ist Keuschheit!
Ist Keuschheit nicht Thorheit? Aber diese Thorheit kam zu uns und
nicht wir zur ihr.
Wir boten diesem Gaste Herberge und Herz: nun wohnt er bei uns, - mag
er bleiben, wie lange er will!" <<

Captain Heartless vermutet, meiner Meinung nach zurecht, dass Nietzsche von Menschen wusste, die keine Probleme hatten, ohne Sex auszukommen. Leute, die ohne Sex leben, und nicht mal das Gefühl haben, dass sie auf etwas verzichten!

Abgesehen davon haben zahlreiche Asexuelle den einen oder anderen Gang zum Psychotherapeuten hinter sich.

Daher also der Titel meines Blogs.

Heißt das nun auch, dass ich mich tatsächlich als keusch empfinde oder bezeichnen würde?

Nein. Eindeutig nicht.

Zu diesem Zwecke muss ich das Online-Wörterbuch des Dudenverlags bemühen und mal die Definition abschreiben:

  1. sexuell enthaltsam; frei von sexuellen Bedürfnissen
  2. (gehoben veraltend) schamhaft zurückhaltend; bestimmten, einschränkenden sexuellen und moralischen Normen entsprechend; sittsam
  3. (gehoben veraltend) von großer sittlicher und moralischer Reinheit

Angesehen davon, dass sich unter 1. der erste und zweite Teil widersprechen – ersteres folgt einer Entscheidung, zweites ist halt einfach so, und trifft tatsächlich auf mich zu – hängt offensichtlich an der ‚keuschen Jungfer’ noch einiges, mit dem ich nichts zu tun habe und auch nichts zu tun haben will.

Ich halte persönlich wenig von „einschränkenden sexuellen Normen“. Meiner Meinung darf jeder in seinem Bett (oder sonst wo) tun, was er möchte, solange alle Beteiligten klaren Geistes und einverstanden sind. Eventuelle Zuschauer laufen bei mir unter Beteiligte, für die Erbsenzähler.

Ich glaube nicht, dass jemand, der mit schnöder Regelmäßigkeit Sexszenen schreibt (und darunter ziemlich viele mit zwei Jungs) bei den Moralwächtern als keusch durchgeht. Genauso wenig wie Menschen mit dreckiger Lache, Bauchtänzerinnen und solche, die mit Vorliebe Flüche benutzen, die mit F anfangen.

Tja. Ich versage bei Punkt 2 der Definition offensichtlich auf der ganzen Linie.

Und die große sittliche und moralische Reinheit? Die wage ich mir nicht selbst zuzuschreiben. Damit würde ich behaupten, dass ich besser als andere bin, was offensichtlich Unsinn ist – auch wenn mein Ego es gern anders hätte.

Unabhängig von dem, was ich in meinem Privatleben tue oder lasse, bin ich also nicht keusch.

Nietzsche hielt von der Keuschheit auch nicht viel, so man dem Zarathustra Glauben schenken darf.

>> Rathe ich euch zur Keuschheit? Die Keuschheit ist bei Einigen eine
Tugend, aber bei Vielen beinahe ein Laster.
Diese enthalten sich wohl: aber die Hündin Sinnlichkeit blickt mit
Neid aus Allem, was sie thun.
Noch in die Höhen ihrer Tugend und bis in den kalten Geist hinein
folgt ihnen diess Gethier und sein Unfrieden.
Und wie artig weiss die Hündin Sinnlichkeit um ein Stück Geist zu
betteln, wenn ihr ein Stück Fleisch versagt wird!<<

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich neben meinem Schweinehund auch eine Hündin Sinnlichkeit halte.

Nach Selbstkasteiung jedenfalls stand mir noch nie der Sinn. Ich bin eitel, wenn es mit gerade in den Kram passt, ich fühle mich wohl in meinem Körper, tanze gern und habe nichts gegen Bühnen.

Ich hebe regelmäßig in gepflegter Runde einen und esse gern gut. Vermutlich bin ich einer jener seltenen Singles ohne Job mit Kantine, die daheim regelmäßig richtig kochen. Ich besitze vier Sorten Öl, genauso viele Sorten Essig, zwei Sorten Senf und mindestens fünf Sorten Nudeln, beziehungsweise Pasta. (Der Unterschied ist wichtig.)

Meine Hündin Sinnlichkeit ist also ein weinseliger Ernährungs-Snob, und vielleicht, als Rampensau, auch ein wenig mit dem Schweinehund verwandt. Wer weiß das schon.

Noch irgendwer hier mit seltsamen Haustieren?

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